Wenn schwangere Frauen eine Abtreibung wollen

Seit mehr als elf Jahren arbeiten Marie und Christina* als Beraterinnen für Schwangerschaftskonflikte. Sie sind Ansprechpartnerinnen für schwangere Frauen, die überlegen, ihr Kind abzutreiben. Solche Frauen sind gesetzlich dazu verpflichtet, sich vor dem Schwangerschaftsabbruch bei staatlich anerkannten Stellen beraten zu lassen.

„Natürlich gab es am Anfang kritische Äußerungen aus meinem Umfeld. Manchmal habe ich sogar einen echten Rechtfertigungsdruck empfunden.“ Marie schaut eindringlich zu ihrer Kollegin. „Abtreibung ist eben immer noch ein Tabuthema und niemand weiß, wie er darüber reden soll.“ Christina erwidert Maries Blick bestätigend. „Theoretisch kennt jeder mindestens zwei Frauen, die schon einmal damit zu tun gehabt haben. Aber niemand weiß es, weil nicht darüber gesprochen wird.“

Ein Großteil von Maries und Christinas Klientinnen ist zwischen 20 und 35 Jahren alt. Nur etwa ein Drittel kommt mit einem Partner. „Die Gründe, warum diese Frauen ungewollt schwanger werden, sind ganz unterschiedlich,“ meint Marie. „Oft gibt es aus meiner Sicht einen zu laxen Umgang mit Präventionsmitteln. Eine App ist nun mal keine Möglichkeit, zu verhüten!“ Es kommt aber auch vor, dass Frauen den Schwangerschaftsabbruch durch eine medizinische oder kriminologische Indikation in Betracht ziehen müssen.

Von einer kriminologischen Indikation spricht man, wenn die Schwangerschaft durch ein Sexualdelikt, zum Beispiel durch eine Vergewaltigung, entstanden ist. Es besteht hier keine Beratungspflicht vor dem Schwangerschaftsabbruch. Die Abtreibung muss allerdings bis zur zwölften Woche vollzogen sein. Im Jahr 2015 gab es in Deutschland 20 Fälle kriminologischer Indikation. Das sind 0,02% aller Schwangerschaftsabbrüche in diesem Jahr.

Liegt eine medizinische Indikation vor, stellt die Schwangerschaft eine Gefahr für Leib und Leben der Schwangeren dar. Auch in diesem Fall ist eine Beratung gesetzlich nicht vorgeschrieben. 2015 wurden 3,9% aller Abtreibungen aufgrund einer medizinischen Indikation durchgeführt. Das entspricht 3.879 Fällen.

„95% der Frauen, die uns aufsuchen, kommen direkt vom Arzt“, erklärt Marie. Innerhalb von maximal drei Tagen nach der ärztlichen Beratung müssen sie hilfesuchenden Frauen einen Termin anbieten. „Oft vereinbaren wir das Gespräch aber nicht für den ersten Tag. Da sind viele noch sehr aufgewühlt und aufgebracht.“ Ziel eines Beratungsgesprächs ist es, der Schwangeren Lebensperspektiven mit Kind aufzuzeigen. „Es ist uns wichtig, das Gespräch ergebnisoffen zu führen und der Frau klar zu machen, dass alleine sie die Entscheidung trifft“, meint Christina.

Entscheidet sich eine Frau schließlich dazu, den Abbruch durchzuführen, wird je nach Fortschritt der Schwangerschaft medikamentös oder operativ eingegriffen. Bei der medikamentösen Therapie verabreicht man der Frau zunächst Tabletten, die die Wirkung des Schwangerschafts-Hormons Progesteron aufhalten. Anschließend werden durch die Zugabe weiterer Arzneien Wehen und eine Fehlgeburt ausgelöst. „Der operative Eingriff“, erklärt Christina, „wird meistens als Absaugung durchgeführt. Dabei wird der Embryo mit einer so genannten Saugkürretage entfernt.“ Die Frau steht dabei meistens unter Vollnarkose und wird ambulant behandelt.

Auf die Frage, wie sie mit der psychischen Belastung ihres Berufs fertig werden, reagiert Christina mit einem verhaltenen Schmunzeln. „Man muss das mit der Zeit einfach lernen. Jeder hat seine eigene Psychohygiene. Es hilft ungemein, über schwierige Fälle zu reden und sich zu erden. Ich fühle mich in meinem Kollegen- und Freundeskreis dabei sehr gut aufgehoben.“ Marie stimmt nickend zu. „Wir hatten allerdings auch schon eine Kollegin, die das hier nicht verkraften konnte und dann auch aufgehört hat. Es war das Beste für sie, die Notbremse zu ziehen.“

*Namen geändert

// Sebastian

Die Quellen für den Beitrag findest du hier.

2 comments

  1. Jex says:

    Danke für die sachliche Berichterstattung. Heutzutage wird fast alles von den jeweiligen Autoren kommentiert und man bekommt deren Meinung aufgezwängt. Finde auch die Abstimmung am Ende des Artikels genial.

  2. DailySpice ( User Karma: 0 ) says:

    Jex, wir freuen uns sehr, dass Dir unser Artikel und die Umfrage gefallen! Bist Du überrascht von den Umfrageergebnissen? Übrigens: Kommentare gibt es bei uns (zum Beispiel in dieser Woche) auch, aber die sind dann als solche gekennzeichnet 🙂
    // Seb

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