Tschernobyl – Ein Unglück nimmt seinen Lauf

Heute vor 31 Jahren, am 26. April 1986 um 1.24 Uhr Ortszeit, kommt es im Kernkraftwerk Tschernobyl, in der Nähe des Dorfes Tschernobyl und der Stadt Prypiat, zum GAU: Durch eine Kernschmelze explodiert einer der 4 Reaktoren. Dadurch wird radioaktives Material in die Atmosphäre geschleudert, welches weite Teile Russlands, Weißrusslands und der Ukraine verseucht. Die radioaktive Wolke zieht bis nach Mitteleuropa und zum Nordkap. Insgesamt ist eine Fläche von etwa 218.000 Quadratkilometern betroffen.

25. April 1986: Der Beginn einer Versuchsreihe

Die Reaktormannschaft in Block 4 des Atomreaktors von Tschernobyl startet eine Versuchsreihe. Es soll überprüft werden, ob bei einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbine ausreicht, um ausreichend Strom zu produzieren, bis die Notstromaggregate laufen. Der Reaktor soll für diese Zeit in Betrieb bleiben. Das Notkühlsystem und weitere Sicherheitssysteme werden ausgeschaltet. Die Leistung des Reaktors wird schrittweise reduziert.

Nach kurzer Zeit wird das Experiment wegen einer Stromanforderung unterbrochen. Erst nachts kann es fortgesetzt werden. Das Notkühlsystem bleibt – entgegen der Sicherheitsbestimmungen – in der Zwischenzeit ausgeschaltet.

Kurz nach 23 Uhr werden die Vorbereitungen für den eigentlichen Versuch wiederaufgenommen. Das Versuchsprotokoll sieht vor, den Reaktor auf etwa 25 Prozent seiner Leistung herunterzufahren. Doch die Leistung sinkt innerhalb kürzester Zeit auf unter ein Prozent der Nennleistung. In diesem Bereich läuft der Reaktor nicht mehr stabil. Der Grund für diesen Leistungsabfall ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Anstatt den Reaktor abzuschalten, versuchen die Techniker die Leistung wieder zu steigern. Dazu werden die Regelstäbe, mit deren Hilfe die Leistung des Reaktors gesteuert wird, aus dem Reaktorkern herausgezogen. Die Leistung stabilisiert sich daraufhin auf etwa sieben Prozent – immer noch zu wenig für den sicheren Betrieb des Reaktors.

Reaktor außer Kontrolle

Der Versuch wird trotzdem gestartet. Die Techniker schließen die Sicherheitsventile der Turbinen und verringern damit die Wasserzufuhr im Reaktor. Innerhalb von Sekunden steigt die Reaktorleistung rapide an. Der Schichtleiter versucht eine Notabschaltung – ohne Erfolg. Die Leistung steigt weiter – auf das geschätzte 100-fache der Nennleistung des Reaktors.

Um den Reaktor zu bremsen, hätten die Regelstäbe wieder komplett in den Reaktorkern eingefahren werden müssen. Ein Vorgang, der 18 bis 20 Sekunden dauert. So viel Zeit bleibt der Mannschaft nicht mehr. Der Druck, der sich im Reaktor durch das aufgeheizte und verdampfende Wasser aufbaut, ist bereits zu hoch. Durch die extremen Temperaturen haben sich die Stäbe verbogen und passen nicht mehr in die vorgesehenen Einschublöcher.

Es kommt zu einer ersten Explosion, bei der Teile des Reaktors und des 64 Meter hohen Reaktorgebäudes zerstört werden. Der Grafitmantel des Reaktors beginnt zu brennen. Radioaktives Material wird in die Atmosphäre geschleudert. Wenige Sekunden nach der ersten Explosion kommt es zu einer zweiten Detonation. Das Feuer greift auf das Dach von Block 3 über. Der Qualm trägt Unmengen radioaktives Material in die Atmosphäre.

Der Reaktor muss gelöscht werden

Um das Ausmaß der Katastrophe einzudämmen, muss der Reaktor gelöscht werden. Noch in der Nacht des 26. April beginnen die Feuerwehrleute damit, Kühlwasser in den Reaktorkern zu pumpen. Als das fehlschlägt, werden Militärhubschrauber organisiert, mit deren Hilfe Blei, Bor, Sand und Lehm von oben ins Feuer abgeworfen werden. Insgesamt rund 5000 Tonnen Material.

Dies führt jedoch zum gegenteiligen Effekt: Durch die Abdeckung erhöht sich die Temperatur. Es werden noch mehr radioaktive Materialien freigesetzt. Erst als der Reaktor – zehn Tage später – mit Stickstoff gekühlt werden kann, ist der Brand unter Kontrolle.

Damit der Reaktor keine Radioaktivität mehr an die Umwelt abgeben kann, beschließt man, ihn komplett zu ummanteln und abzudecken. Bis zum Herbst 1986 wird daher ein sogenannter Sarkophag aus Beton um den Reaktor gebaut. Er wird für eine Dauer von 20 bis 30 Jahren ausgelegt, doch bereits nach einigen Jahren zeigen sich schwerwiegende Schäden.

1997 wird bei einer internationalen Konferenz, an der sich unter anderem die G7-Staaten, Russland, die Ukraine und die Europäische Union beteiligen, der Bau einer neuen Hülle beschlossen, die den zerstörten Reaktor für mindestens 100 Jahre sicher umgeben soll. 2015 wird die neue Schutzhülle fertig gestellt.

Die Liquidatoren

Bei den Aufräumarbeiten und der Errichtung des ersten Sarkophags sind schätzungsweise 600.000 bis 800.000 Männer, sogenannte Liquidatoren, im Einsatz. Liquidatoren hießen sie, weil sie die Folgen der Katastrophe liquidieren, also beseitigen sollen. Roboter, die für die Aufräumarbeiten eingesetzt werden sollen, bleiben einfach stehen, weil die Elektronik angesichts der hohen Strahlenbelastung versagt.

So schicken die Verantwortlichen, noch während der Reaktor brannte, Männer aufs Dach der Reaktorblöcke, um das herauskatapultierte Grafit und andere strahlende Brocken, die durch die Explosion nach außen geschleudert werden, mit Schaufeln zurück in den Krater zu werfen. In welcher Lebensgefahr sich die Liquidatoren durch die unvorstellbar hohe Strahlendosis am Reaktor befinden, das sagt den Männern niemand.

Keine ausreichenden Schutzmaßnahmen für die Liquidatoren

Als Schutzmaßnahme sollen die Männer nur 45 Sekunden auf dem Dach bleiben sowie einen Bleischutz vor der Brust und auf dem Rücken tragen. Doch was sind 45 Sekunden, um mit Blei ausgestattet über eine Leiter auf ein meterhohes Dach zu klettern, um dort zu arbeiten? Die jungen Männer wollen zupacken – von der unsichtbaren, tödlichen Strahlung merken sie nichts. Also bleiben sie länger und legen teilweise die Schutzkleidung ab, weil es zu heiß ist.

Auch als unter dem Reaktor ein Tunnel gegraben wird, um eine Betonschicht unter den Reaktorkern zu ziehen, der droht, sich nach unten ins Grundwasser durchzufressen, arbeiten die Männer ohne weiteren Schutz.

300 Millisievert wurde als Grenzwert für die radioaktive Belastung der Liquidatoren festgesetzt. Strahlenmediziner wie der Münchner Professor Edmund Lengfelder gehen aber davon aus, dass viele Männer das Zehnfache abbekommen haben. Das ist 300.000 Mal so viel, wie in Deutschland als durchschnittliche Jahresdosis als unbedenklich gilt.

27. April – Zu wenig, zu spät: Evakuierung und Einrichtung einer Sperrzone

Obwohl den Verantwortlichen die Gefahr bewusst ist, kümmern sie sich vor allem um die Eindämmung der Katastrophe, nicht aber darum, die Bevölkerung zu informieren und über die Gefahren aufzuklären. Es vergehen anderthalb Tage, bevor die Gegend um den Reaktor von Tschernobyl evakuiert wird. Allein in der Stadt Prypiat leben 47.000 Menschen, die überwiegend in dem Kraftwerk arbeiten. Am 27. April 1986 wird die Bevölkerung dann mit Bussen weggebracht.

135.000 Menschen siedeln die Behörden insgesamt um. Weitere 300.000 schließen sich an, weil die Sperrzone, die wie mit einem Zirkel im 30 Kilometerradius um den Reaktor gezogen wird, mitten durch Dörfer verläuft. Dadurch zerbrechen Gemeinschaften und Wirtschaftseinheiten. Die Stadt Pripjat ist heute eine Geisterstadt.

1990 – Weiterhin herrscht Desinformation in der Bevölkerung

Auch außerhalb des 30 Kilometerradius sind viele Gebiete hoch verstrahlt. Nach 1990 werden teilweise so hohe Strahlendosen gemessen wie im direkten Umkreis des Reaktors. In der Nähe der weißrussischen Stadt Gomel wird deswegen noch nachträglich eine Sperrzone eingerichtet. Fünf Jahre lang hatten die Menschen dort ahnungslos gelebt.

Heute – Die Suche nach den Ursachen

Auch Jahrzehnte nach dem Unglück ist nicht abschließend geklärt, was in Tschernobyl wirklich geschehen ist. Bei der Rekonstruktion des Unglücks und der Suche nach den Ursachen sind die Wissenschaftler vor allem auf Augenzeugenberichte angewiesen. Von den entstandenen Schäden versuchen sie Rückschlüsse auf die Ereignisse zu ziehen. Trotzdem ist bisher noch immer unbekannt, was den ursprünglichen Leistungsabfall und letztendlich die beiden Explosionen ausgelöste.

// Peggy

Die Quellen für den Beitrag findest Du hier.

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