Mülldeponie Ozeane – Visionen statt Erfolge

Millionen Tonnen an Wohlstandsmüll haben wir bis heute im Meer „entsorgt. Eine Fläche von der Größe Mitteleuropas, vielleicht auch zweimal so groß, genau weiß das niemand. Ein Abbild der gedankenlosen Wegwerfmentalität vor allem in Industrieländern.

Im windstillen Teil des Pazifischen Ozeans gelegen wächst der achte Kontinent täglich. Weltweit verschmutzen allein mehr als 100 Millionen Tonnen Plastikmüll die Ozeane, schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) – das Bundesumweltamt geht sogar von rund 140 Millionen Tonnen aus –, und mindestens 9 Millionen Tonnen Plastikmüll gelangen jedes Jahr neu in die Meere. Rund zehn Prozent der jährlich produzierten 225 Millionen Tonnen Kunststoff landen irgendwann im Meer, so das Unep. Betroffen sind alle Regionen, selbst in der bislang gering belasteten arktischen Tiefsee werden steigende Mengen registriert. Rund 20 Prozent stammt von Schiffen, 80 Prozent werden vom Festland eingetragen.

Einleitungen von Industrie und Landwirtschaft bereiten die größten Probleme, doch wird nicht aller Unrat absichtlich in die Meere und zuführenden Gewässern gekippt. Winde etwa transportieren beträchtliche Abfallmengen, beispielsweise aus offenen Deponien, wie sie in Großbritannien und den Niederlanden noch immer zu finden sind. Auch Hochwasser und Fluten schwemmen Müll und Schadstoffe in großen Mengen in die Ozeane. Nicht zu vergessen ist Tourismus-Müll, mit dessen fachgerechter Entsorgung viele Urlaubsländer schlichtweg überfordert sind.

Plastik ist extrem langlebig, bis zur vollständigen Zersetzung können 500 Jahre vergehen. In vielen Kunststofferzeugnissen befinden sich Giftstoffe wie Weichmacher, die in großen Mengen in die Meere gelangen. Auch größere Plastikteile zerfallen unter Einwirkung von Sonne und Salzwasser zu Mikropartikeln. Dabei wird der toxische Cocktail freigesetzt, mit dem sie angereichert sind, darunter das hormonaktive und nervenschädigende Bisphenol A, oder das krebserregende Styrol.

Schätzungsweise 70 Prozent des Meeresmülls befinden sich auf dem Meeresgrund. Da Schleppnetze den Meerestieren am Boden schaden, ist der dortige Müll ohne die Hilfe von Tauchern bisher nicht zu bergen.

Meerverschmutzung

Folgen für Tiere und Pflanzen:

Zunächst beeinträchtigt der Müll die maritime Pflanzen- und Tierwelt: Treibender Plastik wird zur tödlichen Falle, wenn sich junge Meerestiere in Kunststoffteilen verheddern, die sie langsam erdrosseln, während sie heranwachsen. Ausgewachsene Tiere ertrinken oft elend, weil ihre Flossen durch Schnüre regelrecht gefesselt werden. Zudem wird vom Wasser zu Granulat verkleinerter Müll mit Nahrung wie Plankton verwechselt. Doch der Stoff ist unverdaulich, so dass Tiere im schlimmsten Fall mit einem Magen voller Plastik verhungern.

Hunderttausende Delphine, Wale, Robben, Schildkröten und sogar Eisbären fallen dem Plastikmüll zum Opfer. Die Zahl der verendeten Seevögel geht in die Millionen. Hält der aktuelle Trend der Vermüllung ungebremst an, wird bis zum Jahr 2050 das Gewicht des Plastikmülls, der im Meer treibt, jenes der Fische übersteigen, die darin leben.

Auswirkungen auf den Menschen:

Letztlich aber schädigt sich der Mensch selbst. Die im Plastik gebundenen Gifte werden mit jeder Fischmahlzeit aufgenommen, sagt Kim Detloff, Leiter der Abteilung Meeresschutz beim Naturschutzbund (NABU). „Die Gifte landen auf unserem Teller. Sie sind allgegenwärtig im marinen Nahrungsnetz.“

Als besonders problematisch werden Plastiktüten und winzige Plastikkugeln angesehen, die z. B. in Peelingprodukten, Zahnpasta und Duschgels enthalten sind. Hier gäbe es eigentlich natürliche Alternativen, mit denen Hersteller arbeiten könnten, diese werden aber kaum genutzt. Die Plastikkügelchen sind oft so klein, dass Kläranlagen sie nicht herausfiltern können. Mit der „Beat the Microbead“ App kann man sich als Verbraucher über die Inhaltsstoffe der Kosmetikprodukte informieren und Plastikfreie alternativen wählen.

Was getan wird:

Bislang sind keine Maßnahmen bekannt, mit denen Kunststoffe wieder aus dem Meer entfernt werden könnten, ohne dass dadurch neue Schäden an der Meereswelt riskiert werden. Plastik, das sich bereits in kleine Schwebeteilchen aufgelöst hat, mit feinen Filtern aus dem Meer zu holen, birgt wiederum das Problem, dass nützliche Bakterien und für das Ökosystem wichtiges Plankton gleich mit entsorgt werden.

Die effektivste Lösung bleibt ein Umdenken im Umgang mit Plastik.

Mikroben als Müllfresser: Im Jahr 2011 entdeckte der US-amerikanische Meeresbiologe Tracy Mincer auf kleinen Plastikstücken Proteobakterien, die sich in den Kunststoff fraßen. Die Müllbeißer waren bis dahin nur von Abfallhalden an Land, nicht jedoch aus dem Meer bekannt. Ob sie der Umwelt einen Gefallen tun, lässt sich noch nicht sagen. Denkbar wäre nämlich auch, dass sie die Giftstoffe aus dem Plastik durch die Verdauung des Mülls überhaupt erst freisetzen. Daran wird derzeit geforscht.

Bisher bleibt also nichts weiter, als die großen im Meer treibenden Brocken einzeln zu bergen. Boyan Slat, ein 19-jähriger Student aus den Niederlanden hat sich dazu eine Technik überlegt. Er will eine Müllfang-Plattform mit Armen bauen, beweglich wie die Flossen eines Manta-Rochens. Diese Fangarme sollen Unrat von der Meeresoberfläche abschöpfen, während Fischschwärme, Delfine und andere Meeresbewohner bis hin zum Plankton ungestört darunter hindurch schwimmen oder treiben können.

Ocean Cleanup Array heißt die schwimmende Entsorgungsplattform, die bisher aber nur auf dem Bildschirm existiert. Derzeit prüfen Experten in einer Machbarkeitsstudie, die Mitte September erscheinen soll, ob das Konzept funktioniert. Die Konstruktion soll fest im Meeresgrund verankert sein, sodass die Strömung den Müll in ihre Arme treibt.

In Berlin diskutierten rund 200 Experten im Rahmen einer internationalen Meeresschutzkonferenz, wie die Verschmutzung der Weltmeere zu stoppen sei. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) forderte über das Manifest „Meer ohne Plastik“, den Müll in den europäischen Meeren bis 2020 um 50 Prozent zu reduzieren.

toter-vogel

Einen praktischen Ansatz verfolgt der NABU mit der 2012 initiierten Initiative „Fishing for Litter“. Die Grundidee: Häfen und Fischer an Ost- und Nordsee für die Problematik sensibilisieren und Entsorgungskapazitäten bereitstellen. 70 Fischer und acht Häfen (darunter Heiligenhafen, Burgstaaken auf Fehmarn und Sassnitz auf Rügen) sind schon an Bord, mehr sollen folgen. Fischer werfen mülligen „Beifang“ nicht ins Meer zurück, sondern sammeln diesen an Bord in großen Industriesäcken, die in den Häfen in speziellen Containern abgelegt werden. Doch die Fischer auf Müllfang können kaum etwas ausrichten. „Die Müllmengen, die solche Projekte an Land bringen, sind verschwindend gering im Vergleich zur Gesamtmenge, wenn man sich die Dimension des Ozeans bewusst macht“, sagt Lars Gutow, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung. Wenn man etwa bei Sammelaktionen am Strand an einem Ende ankommt, kann man eigentlich gleich wieder von vorn anfangen.“ Dennoch seien solche Aktionen wichtig, weil sie ein Problembewusstsein schaffen.

Allen bereits in den Meeren vorhandenen Müll wieder herauszufischen, halten die meisten Experten für illusorisch. Ohnehin gilt es, zunächst die Neueinträge drastisch zu reduzieren. Benjamin Bongardt, Referent für Umweltpolitik beim NABU: „Man muss die Ursachen bekämpfen. Kunststoffe etwa müssen recycelbar und biologisch abbaubar sein. Dazu muss sich aber die chemische Industrie neu erfinden, doch die blockt noch.“

Priorität muss zudem die Schaffung leistungsfähiger Abfallentsorgungsstrukturen in zahlreichen Entwicklungsländern haben und das Hinwirken auf eine Reduzierung des Verpackungswahns vor allem in den Industrieländern. In Irland wurde 2002 eine Umweltsteuer eingeführt – anfangs waren es 0,15 Cent, inzwischen beträgt sie 0,44 Cent. Seitdem ist der Verbrauch um 90 Prozent auf 18 Tüten pro Kopf und Jahr geschrumpft. Zum Vergleich: Laut Bundesumweltamt verbraucht jeder Deutsche im Schnitt 71 Plastiktüten im Jahr, der EU-Schnitt liegt bei 198 Tüten.

Lernen kann Europa aber auch von Ländern wie Bhutan, Bangladesch, Ruanda, Tansania und Papua-Neuguinea. Plastiktüten sind dort komplett verboten, und in Kenia und Uganda dürfen zumindest keine dünnen Tüten verwendet werden.

// Peggy

Die Quellen für diesen Beitrag findest Du hier.

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