Migrant bleibt Migrant – Ein Interview

Egal seit wie vielen Generationen ehemalige Migranten in Deutschland leben: Man bleibt bei Fremden immer der Ausländer, weil man nicht Deutsch genug aussieht. Sein südländisches Aussehen wird unserem Interviewpartner Domenico F. (24) regelmäßig in Form von Alltagsrassismus vor Augen geführt.

Domenico, von seinen Freunden nur Dome genannt, kommt gebürtig aus Singen am Bodensee. Dort ist er auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hat dort sein Abitur gemacht. Nun studiert er im sechsten Semester Architektur an der FHWS Würzburg-Schweinfurt. Und er ist das Kind italienischer Migranten.

Hallo Domenico, was ist für Dich Rassismus?

Domenico: Wenn eine bestimmte Menschengruppe aufgrund des Aussehens, der Hautfarbe, der Sexualität oder der eigenen Ansichten diskriminiert wird, empfinde ich das als Rassismus.

„Das Ganze entwickelte sich zu einer Massenschlägerei.“

Hast Du schon einmal Rassismus am eigenen Leib erfahren müssen?

Domenico: Früher habe ich in einem Verein in meiner Heimatstadt Fußball gespielt. Der Verein bestand zum Großteil aus Spielern mit italienischem Migrationshintergrund. Dazu muss man wissen, dass leider das Vorurteil besteht, ausländische Mannschaften würden dazu tendieren, Ärger zu provozieren.

Als wir eines Tages gegen einen deutschen Stadtrivalen spielten, kippte im Verlauf des Spiels die Stimmung. Die Fans der gegnerischen Mannschaft beschimpften uns ständig aufs Übelste. Dass man aufgrund der Herkunft beleidigt und provoziert wird, ist leider nicht unüblich. Meiner Meinung nach wollten sie dadurch eine von uns ausgehende Eskalation provozieren. Nach dem Spiel wurden die Beleidigungen heftiger und einige deutsche Gegenspieler wurden sogar handgreiflich. Daraufhin eskalierte die Situation und das Ganze entwickelte sich zu einer Massenschlägerei. Seit diesem Tag hielt sich das Gerücht, dass unser Verein Ärger machen würde.

„Die Gäste sagen mir häufig, wie gut mein Deutsch doch wäre.“

Ansonsten erlebe ich vor allem Alltagsrassismus. Zum Beispiel arbeite ich in einem Eiscafé und die Gäste sagen mir häufig, wie gut mein Deutsch doch wäre. Auch werde ich viel häufiger von Polizeibeamten angehalten als meine deutschen Freunde. Seit der Flüchtlingskrise habe ich gelegentlich das Gefühl, dass Frauen mir nachts skeptischer entgegentreten bzw. mir eher ausweichen. Auch ernte ich seitdem im Allgemeinen häufiger schiefe Blicke, vor allem von älteren Mitbürgern.

Wie fühlst Du Dich, wenn Dir so etwas passiert?

Domenico: Man findet sich irgendwann damit ab, aber trotzdem trifft es einen irgendwie und die Situationen bleiben dauerhaft im Gedächtnis.

Sprichst Du die entsprechenden Personen dann manchmal darauf an?

Domenico: Als ich beispielsweise die Polizeibeamten bei einer der vielen Kontrollen darauf ansprach, warum sie ausgerechnet mich kontrollieren und nicht die Gruppe Jugendlicher, die keine 20 Meter vor mir liefen, sagten sie mir, ich würde aufgrund meines südländischen Aussehens ins Raster fallen. Auch als ein Gast mich mal als Promenaden-Kanacke bezeichnete, entgegnete ich ihm, dass Rassismus in diesem Lokal nicht geduldet wird.

„Auch versuche ich, auf ältere Menschen sehr Deutsch zu wirken.“

Denkst Du, dass sich durch solche Situationen bei Dir etwas in Deiner Einstellung z.B. gegenüber Fremden geändert hat?

Domenico: Schon. Ich empfinde die Anwesenheit von Polizisten als unangenehm, da ich immer davon ausgehe, dass ich gleich kontrolliert werde und mein Arbeitgeber oder Professor dies sehen könnte, was evtl. ein schlechtes Licht auf mich wirft. Auch versuche ich, auf ältere Menschen sehr Deutsch zu wirken.

Wie oft begegnet Dir Alltagsrassismus?

Domenico: Ich schätze, circa einmal im Monat. Aber zum Glück seit langem nichts wirklich Schlimmes mehr, da auch die Stadt, in der ich seit 5 Jahren lebe, sehr bunt ist.

„Wenn man mich fragt, wieviel Rassismus die Gesellschaft ertragen kann, dann antworte ich: Gar keinen.“

Wie verbreitet ist Rassismus in der Gesellschaft aus Deiner Sicht?

Domenico: Wenn man mich fragt, wieviel Rassismus die Gesellschaft ertragen kann, dann antworte ich: Gar keinen. Den sollte es nirgends auf der Welt geben.

Was denkst Du, was man gegen Rassismus tun kann?

Domenico: Man sollte an sich selbst arbeiten und einen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen. Klischees und sonstige voreingenommene Meinungen sollte man beiseitelassen und jeden Menschen individuell wahrnehmen.

Willst Du zum Schluss noch etwas sagen?

Domenico: Was ich ziemlich erschreckend finde, ist, dass sich die Menschen entspannen bzw. mir anders entgegentreten, sobald sie erfahren, dass ich Italiener bin und kein Muslim. Außerdem möchte ich noch sagen, dass die geschilderten Situationen Einzelfälle sind und mir die allermeisten Menschen freundlich begegnen.

// Peggy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.