Mein Leben als Escort

Jan* ist 29 Jahre alt, Student und kommt aus dem Großraum München. Seit 2015 arbeitet er als Escort. Männer buchen ihn, um Sex mit ihm zu haben. Mit Dailyspice hat er über seine Ängste, seinen Arbeitsalltag und sein Leben als Escort gesprochen.

Jan, Du arbeitest seit 2015 als Escort. Wie kamst Du auf die Idee, diesen Beruf zu wählen?

Jan: Im Rahmen einer SM-Beziehung hat mich mein damaliger Freund dazu überredet, anschaffen zu gehen. Heute sind es eigentlich immer Geldsorgen, die mich antreiben. Ich mache das nicht, weil mir Sexualität besonderen Spaß macht. Der Sex mit Älteren ist für mich nicht reizvoll.

Wie stellst Du Kontakt zu Deinen Kunden her?

Jan: Männer schreiben mich auf Planetromeo an. Das ist eine Datingplattform für Schwule. Ich bin mit der App 24/7 online. Dann suche ich mir aus, wem ich antworte und für wann ich was ausmache. Über 50% der Kunden kommen zu mir nach Hause. Den Rest (Messebesucher, Geschäftsreisende, Urlauber) besuche ich in Hotels.

Ich mache beim Date die Augen zu. Man hat dann keine Gefühle.

Wie läuft so ein Date ab?

Jan: Die meisten Verabredungen finden abends zwischen 17 Uhr und 20 Uhr statt. Ich muss mich dabei an den Rhythmus der arbeitenden Bevölkerung halten. Am Wochenende kann ich mehr vereinbaren. Ein Date dauert in etwa eine Stunde. Übernachtungen leistet sich praktisch niemand.

Wie schaffst Du es, immer wieder neu auf unterschiedliche Menschen einzugehen?

Jan: Ich gehe nicht auf die Menschen ein. Ich mache beim Date die Augen zu. Ich blockiere alle Gefühle, Zweifel, Ängste und alle Gedanken, die mich nicht weiterbringen. Man hat dann keine Gefühle. Ich nehme den Kunden in den Arm, man streichelst sich, küsst eventuell und das Date entwickelt sich.

In München sind 100€ pro Stunde Standard. Das zahlt jeder ohne Murren.

Hast Du noch einen Überblick darüber, wie viele Kunden Du mittlerweile schon hattest?

Jan: Vielleicht 150. Irgendwann hört man auf, zu zählen. Ich merke mir die Personen auch nicht. Es gibt aber Escorts mit deutlich mehr Kunden, das geht in die vierstelligen Zahlen.

Kannst Du von Deinem Escort-Dasein leben?

Jan: Grundsätzlich kann ich easy davon leben. Normalerweise mache ich ein bis zwei Dates pro Tag, am Wochenende etwas mehr. 100€ pro Stunde ist in München ein absoluter Standardpreis. Das zahlt jeder ohne Murren. Für 150€ muss man schon etwas Besonderes bieten, also sehr jung sein oder Ähnliches.

Weiß Dein privates Umfeld eigentlich, dass Du als Escort arbeitest?

Jan: Jeder weiß es. Ich stehe zu dem, was ich tue. Meine Eltern sind ängstlich und besorgt. Meine Mutter schneidet mir immer HIV-bezogene Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt aus und gibt sie mir mit. Manche anderen sind neugierig und stellen vielen Fragen. Manche sind besorgt. Wieder andere erzählen von ihren eigenen Erfahrungen mit Prostitution. Es ist aber extrem schwer, einen Partner zu finden, der den Beruf akzeptiert. Das treibt mich um.

Meine Mutter schneidet mir immer HIV-bezogene Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt aus.

Hast Du Angst davor, dass Dir mal etwas passieren könnte oder ist Dir schon mal etwas passiert?

Jan: Es gibt auf jeden Fall gute Gründe, Angst zu haben. Es kann viel vorkommen: Von „bloßer“ Gewalt bis hin zu Tötungen ist alles möglich. Wenn jemand mir den Rücken massiert, könnte er mir auch leicht an den Hals greifen und mich erwürgen. Vor HIV habe ich allerdings keine Angst. Ich mache nur safer Sex. Mehr fürchte ich mich vor Hepatitis und Syphilis.

Alkohol kann bei manchen Menschen natürlich zum Problem werden. Ich hatte ein bis zwei unangenehme Kunden, aber ansonsten sind ausnahmslos alle nett. Wenn ich mit Körpersprache zu verstehen gebe, dass ich etwas nicht mag, dann wird das auch nicht gemacht. Die Kunden wollen Liebe bekommen und Liebe geben. Generell haben Schwule ein höheres Bewusstsein für ihre Sexualität. Die tun einem nichts.

 

Keine Angst vor STI? Diese sexuell übertragbaren Krankheiten solltest Du trotzdem auf jeden Fall kennen!

 

Hast Du Dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie lange Du als Escort noch arbeiten willst?

Jan: Darüber möchte ich nicht nachdenken. Wie gesagt, ich blende viele Dinge aus. Das ist wie eine Mauer, die durch meinen Kopf gezogen ist. Viele Gedanken werden da geblockt und kommen nicht durch. Mit 29 bin ich auf jeden Fall definitiv nicht mehr der Jüngste. Ich sehe angeblich aber Jünger aus, das Feedback ist ziemlich gut und die Nachfrage ist anhaltend hoch.

Vielen Dank für dieses spannende Interview, Jan!

// Sebastian

*Name geändert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.