Gender Pay Gap in Deutschland – Interview mit Walther Mann

Herr Mann, vielen Dank, dass Sie sich dazu bereit erklärt haben, mit DailySpice über Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern zu sprechen. Sie sind Ortsvorstand der Arbeitnehmergewerkschaft IG-Metall in Würzburg und beschäftigen sich intensiv mit diesem Thema. Stimmt es, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn bekommen?

Mann: Das kann man so nicht eindeutig sagen. Wir haben heute in der Regel Entgeltgruppen. In diese Gruppen wird man je nach individueller Arbeitstätigkeit eingeteilt und Frauen und Männer in gleichen Entgeltgruppen verdienen auch gleich. Das ist aber auch gar nicht das Kernproblem. Das Problem liegt darin, dass Frauen oft erst gar nicht in höhere Entgeltgruppen hineinkommen. Viele Arbeitnehmerinnen können sich außerdem nicht so gut weiterqualifizieren wie ihre männlichen Kollegen und werden bei der Ausbildungssuche benachteiligt.

So entstehen also Berufszweige, die vor allem von Frauen dominiert sind?

Mann: Man sieht das vor allem im kaufmännischen und sozialen Bereich. In den einfachen Tätigkeiten finden Sie viele Frauen. Bei Teilzeit finden Sie Frauen. Bei den geringfügig Beschäftigten finden sie Frauen. Das heißt, bei den sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen finden Sie mehr Frauen als Männer. Es beginnt letztendlich schon mit der Schule, mit der Weiterbildung, mit der Qualifikation und geht dann mit dem Ausbildungsberuf weiter. Es gibt zwar einen spezifischen Informationstag für junge Mädchen, aber der reicht nicht aus, um eine Gleichberechtigung auf dem gesamten Arbeitsmarkt zu schaffen.

Das heißt also, weil Frauen oft nicht qualifiziert genug sind, bleiben sie in einer niedrigeren Gehaltsstufe hängen?

Mann: Richtig, man muss fragen: Wie sehen die Aufstiegschancen der Frau aus? Selbst wenn sie eine Ausbildung hat, von der Hochschule kommt und anfängt, in einem Betrieb zu arbeiten: Bei der Einstellung bestimmter Posten werden Männer bevorzugt. Für Arbeitgeber ist es vor allem problematisch, dass eine Frau schwanger werden könnte und sich dadurch ihr beruflicher Werdegang verzögert. Unsere Aufgabe als Gewerkschaft muss es deshalb sein, Aufstiegschancen und die Gleichbehandlung von Frauen zu fördern. Dafür braucht es Frauenbeauftragte in Unternehmen, die entsprechende Maßnahmen einleiten können. Wir müssen Abschied nehmen von dieser männerdominierten Welt.

Welche generellen Gründe hat es, dass Frauen in der Arbeitswelt benachteiligt werden?

Mann: Ich sage, das hat was damit zu tun, dass die Gesellschaft Frauen in bestimmten Bereichen stigmatisiert. Das ist auch eine Erziehungssache: Gleichberechtigung muss zuerst einmal in der Familie gelebt werden. Wenn das nicht gegeben ist, finden sich männerdominierte Strukturen auch später im Beruf. Mann muss sich also gezielt mit dem Thema befassen, es aufgreifen und zu seinem eigenen Thema machen. Wir haben da noch viel zu tun.

 

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Wie könnte man effektiv gegen diese Ungleichbehandlung vorgehen?

Mann: Eigentlich müsste man ein gezieltes Frauenförderprogramm in den Betrieben machen. Das beginnt mit der Ausbildung und setzt sich bei der betrieblichen Weiterqualifizierung fort. Man bräuchte beispielsweise eine/n Frauenbeauftragte/n, die/der entsprechende Maßnahmen einleitet, so dass etwas passiert. Leider gibt es noch viel zu wenige Betriebe, die das machen. Es müssten also gezielte Maßnahmen ergriffen werden. Und das geht nur per Beschluss.

Was können konkret Sie als Gewerkschaft tun?

Mann: Die Gewerkschaften müssten hier eine Kampagne mit dem Thema „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ starten und gezielt Frauenförderprogramme umsetzen. Es ist unsere Aufgabe, das immer wieder zu einem wichtigen Thema zu machen, um die Gleichbehandlung in den Betrieben voranzutreiben.

Wie schätzen Sie die Stimmung zu diesem Thema eigentlich bei den Betriebsräten ein?

Mann: Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass sich Betriebsräte ausreichend für ihr Klientel engagieren.

Aber dafür sind sie doch da?

Mann: Schön wär’s! In den großen Betrieben funktioniert es schon. Das liegt daran, dass die Betriebsräte ab einer bestimmten Größenordnung freigestellt sind. Daher haben sie auch das nötige Engagement. Außerdem verfügen sie über jahrelange Erfahrung und genügend Fachwissen. In vielen kleineren Betrieben bleibt die Betriebsratsarbeit jedoch an zwei Leuten hängen. Und da fehlt dann der nötige Umsetzungswille. Man setzt dann Prioritäten: Was ist mir wichtiger, meine reguläre Arbeit oder meine Betriebsratsarbeit?

Kennen Sie eigentlich Fälle, in denen es andersherum ist, dass also Männer schlechter bezahlt werden als Frauen?

Mann: Ist mir keiner bekannt.

Möchten Sie abschließend noch etwas sagen?

Mann: Ich möchte an meine Kolleginnen und Kollegen in meiner Organisation appellieren, dass wir mehr Kraft investieren müssen, wenn wir etwas erreichen wollen. Das Thema ist für mich eine gesellschaftspolitische Frage, die wir ernster nehmen müssen. Meine Gewerkschaft hat dahingehend einen geschichtlich gewachsenen Anspruch und diesem muss sie gerecht werden. Und zwar gerechter als bisher.

Vielen Dank für dieses Statement!

// Peggy

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