Aussteiger – Raus aus dem Nazisumpf

Die gemeinnützige Organisation Exit unterstützt Menschen, die in rechtsextremen Gruppierungen aktiv sind und aussteigen wollen. Mit geschulten Fachkräften können Betroffene ihre Vergangenheit aufarbeiten und den erneuten Einstieg in die Gesellschaft planen. Mit dem Ausstiegsberater Fabian Wichmann haben wir über die Anziehungskraft rechter Vereinigungen, Radikalisierung und das Leben danach gesprochen.

Herr Wichmann, seit mehreren Jahren machen Sie für Exit Deutschland Öffentlichkeitsarbeit und arbeiten in der Ausstiegsberatung. Wie viele Fälle haben Sie mittlerweile schon behandelt?

Wichmann: Seit der Gründung im Jahr 2000 hat Exit Deutschland 650 Fälle begleitet. Jährlich haben wir etwa 20 bis 40 Neuzugänge. Dazu kommen aber auch noch Fälle aus den Vorjahren. In der Regel dauert ein Ausstieg zwei bis drei Jahre, aber auch alte Fälle können plötzlich wieder aktuell werden. Im Moment haben wir zum Beispiel Kontakt zu Personen, die schon 2009 ausgestiegen sind. 

Wer sind Ihre Klienten?

Wichmann: Grundsätzlich kommen zu uns solche Menschen, die Teil einer rechtsextremen Organisation sind und da rauswollen. Wir haben eine sehr heterogene Klientel, die durchschnittlich zwischen 19 und Anfang 30 Jahre alt ist. Da gibt es Gewaltlose und eher Intellektuelle, da gibt es aber auch sehr Gewalttätige mit begrenztem schulischem Hintergrund.

Einen standardisierten Ausstiegsplan wird es deshalb wahrscheinlich nicht geben.

Wichmann: Da haben Sie Recht. Weil die Leute, die zu uns kommen, so unterschiedlich sind, müssen wir die Beratung ganz individuell gestalten. Zu Beginn artikuliert unser Klient sein Problem, dann schauen wir zusammen, wo Handlungsbedarf besteht und entwickeln ein Ausstiegsszenario. Das hängt oft zusammen mit Umzug, Arbeitswechsel, Aufbereitung der eigenen Vergangenheit und Reflexion über begangene Straftaten.

„Immer wieder kontaktieren uns auch Inhaftierte aus Justizvollzugsanstalten, die ihren Gefängnisaufenthalt dazu nutzen wollen, auszusteigen.“

Wie gelingt es rechtsextremen Vereinen, immer wieder Menschen einzukeschern?

Wichmann: Da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle. Es gibt Gruppenzwänge, gesellschaftliche, biografische und sogar psychologische Gründe. Meistens ist es ein Zusammenspiel aus mehreren. Das Bild, dass man in Neonazi-Organisationen aber einfach reinrutscht, finde ich falsch. Für den Anfang mag das vielleicht zutreffen, aber nach einiger Zeit entscheidet man sich jeden Tag wieder aktiv dazu, mitzumachen. Viele unserer Klienten sind auch nicht „einfach nur“ Mitglieder, sondern bekleiden hohe Ämter.

„Das Bild, dass man in Neonazi-Organisationen einfach reinrutscht, finde ich falsch. Viele entscheiden sich jeden Tag aktiv dazu, mitzumachen und bekleide hohe Ämter.“

Wie häufig kommt es vor, dass Klienten den Ausstieg nicht schaffen?

Wichmann: Das ist tatsächlich nur ein sehr geringer Prozentsatz. In absoluten Zahlen: Seit 2000 etwa 13 Fälle, in denen unsere Klienten nach der Beratung noch einmal politisch motivierte Straftaten begangen haben. Aber auch für die Nicht-Rückfälligen ist der Ausstieg alles andere als einfach. Vielen, gerade denen, die hohe Ämter besetzt haben, schlagen Vorurteile entgegen. Das bekommen sie an ihrem Arbeitsplatz, zuhause und in der Gesellschaft zu spüren.

Herr Wichmann, vielen Dank für Ihre Einschätzungen und den Einblick in die Arbeit Ihrer Organisation!

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